Burn Out

 

Zeit für etwas Entschleunigung

 

Auf meinem Schreibtisch türmen sich die Arbeiten, zig Mails müssen noch in diesem Jahr beantwortet werden, und eigentlich muss ich auch dringend mit ein paar Kollegen durchsprechen. - Und, was ist: Weihnachten! - Das Büro ist geschlossen, die Kollegen im Weihnachtsurlaub.

Ich habe mir aber ein paar Papiere mit nach Hause genommen, dann kann ich wenigstens einige Dinge vorbereiten. Gesagt, getan, ich setze mich an den Wohnungstisch und will gerade anfangen zu arbeiten, da betritt mein Eheweib den Raum. Ihre sonst faltenfreie Stirn ist beim Anblick des Tisches in Windeseile von Zornesfalten regelrecht zerklüftet. Ein Donnerwetter vom Feinsten ging über mich her, das in der unmissverständlichen Aufforderung:“ Pack´ sofort Deine Unterlagen ein, und seh´ zu, dass Du erst wieder zur Bescherung hier auftauchst!“ endete. Es folgten noch ein paar weniger nette Äußerungen bezüglich meines Arbeitspensums, dass mir die Arbeit wohl wichtiger sei, als meine Familie, und, und, und…. Ich zog nur noch den Kopf ein, denn ich wusste, in dieser Stimmung war mit meiner Angetrauten nicht zu reden.

 

Ich raffte meine Papiere zusammen und verließ fluchtartig das Haus. Erst auf der Straße schaffte ich es, den Mantel zu schließen und den Schal bis über die Ohren zu ziehen. Es war kalt, ein steifer Wind pfiff um die Ecken und trieb die Schneeflocken vor sich her.

 

Langsam stapfte ich in Richtung Innenstadt. Den Kopf gesenkt, um dem Schneegestöber einigermaßen zu entgehen. Meine Gedanken drehten sich um meine unerledigten Arbeiten. Fieberhaft überlegte ich, wie ich alles noch rechtzeitig schaffen könnte.

Meine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als ich von einem mittelgroßen, recht beleibten Herrn angerempelt wurde. Er entschuldigte sich flüchtig und hastete weiter. Kopfschütteln sah ich ihm nach und setzte meinen Weg fort. Nach wenigen Metern bemerkte ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Neugierig schaute ich auf und sah erneut den fülligen Herrn. Er hastete im Zickzack über die Straße. Dabei war sein Blick suchend nach oben gerichtet.

 

Automatisch schaute ich auch nach oben. Es war inzwischen dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und der Mond lugte hinter ein paar Wolken hervor. Die Schneeflocken tanzten ein furioses Ballett, als ob sie miteinander konkurrieren würden. Mehr war aber nicht von mir zu entdecken. Ich schaute wieder zu dem Herrn. Gerade in diesem Moment stolperte er fast über einen Papierkorb. Nur durch eine halsbrecherische Bewegung entging er einem Sturz. Kaum hatte er sein Gleichgewicht wieder gefunden, stürmte er weiter. Das nächste was ich hörte, war ein metallisches „Klong“. Der Mann war frontal gegen eine Straßenlaterne gelaufen und stand nun etwas benommen am Straßenrand. Ich ging zu ihm du fragte ihn, ob ich ihm helfen könne. Dabei betrachtete ich ihn mir genauer. Er sah ganz ordentlich aus und roch auch nicht nach Weihnachtspunsch. Er schüttelte mit dem Kopf und murmelte nur immer wieder: „Ich muss ihn finden, ich muss ihn finden!“ „Was suchen sie denn?“, fragte ich ihn. Seine Antwort verblüffte mich dann doch. „Meinen Schlittern! Ich muss ihn unbedingt finden!“, stöhnte der ältere Herr. Er machte so ein verzweifeltes Gesicht, dass ich beschloss ihm zu helfen. Nur dazu brauchte ich mehr Informationen. „Vielleicht kann er sich ja an Einzelheiten in der Nähe des Ortes erinnern, wo er seinen Wagen abgestellt hat“, dachte ich und führte ihn zu einer Parkbank.

 

Aber egal was und wie ich fragte, ich hatte beim besten Willen keine Ahnung, wo er sein Auto abgestellt hatte. Ich versuchte es daher anders: “Können Sie Ihren Wagen nicht morgen bei Tageslicht suchen? Jetzt könnten Sie doch mit einer Taxe nach Hause fahren.“ „Neeeeeeeeeein“, stöhnte der Alte. „Ich brauche meinen Schlitten!“ So langsam war meine Geduld am Ende. „Warum in Gottes Namen brauchen Sie unbedingt heute Abend Ihre Auto? Es ist Heilig Abend, die ganze Menschheit sitzt zu Hause bei ihren Familien und feiert.“ stieß ich entnervt hervor. „Das ist es ja gerade“, antwortete der Mann, „ich muss die Welt entschleunigen!“ Jetzt war es an mir etwas dumm aus der Wäsche zu schauen. „Die Welt entschleunigen“, was soll das denn heißen. Vielleicht hat der Alte bei seiner Begegnung mit dem Laternenpfahl doch mehr abbekommen.

 

„Wieso müssen Sie die Welt entschleunigen?“, fragte ich ihn tapfer. Seine Antwort machte mich nachdenklich. „Ja, merken Sie es denn nicht?“ begann der alte Herr. „Alles wird immer schneller, jeder Mensch meint immer schneller werden zu müssen.“ „Schau´n Sie mal“, er zeigte auf die Menschen, die ihre letzten Weihnachtseinkäufe erledigten. „Sie hasten von Laden zu Laden, auf den Gesichtern sehen Sie keine Vorfreude, keine Ruhe. Im Gegenteil, ich erblicke nur genervte Minen, erschöpfte Gesichter.“ „Da,“ er nickte zu einem Mann hinüber, der gerade sein Handy aus der Tasche gezogen hatte und seine Mails prüfte, „noch nicht einmal an diesem Tag können die Menschen ihre Arbeit vergessen.“ Bei diesen Worten wurde ich puterrot im Gesicht und bekam ein schlechtes Gewissen.

 

Er tätschelte mir beruhigend die Hand. „Sie sind nicht der Einzige, der süchtig nach der Geschwindigkeit ist!“ – Ich, süchtig, nie und nimmer – in mir regte sich sofort der Widerstand. Wenn es nach mir ginge, könnte alles ruhiger sein, langsamer von statten gehen. Die Anderen zwingen mich, immer mehr zu arbeiten, immer schneller zu sein, immer erreichbar zu sein. Ich lege mir selbst nicht die ganze Arbeit auf den Schreibtisch, die Anderen stecken die Termine immer enger!

 

„Nicht die Anderen sind schuld“, hörte ich die Stimme des Alten. „und bevor Sie fragen: Ja, ich kann Gedanken lesen!“, fuhr er fort. „Wenn Du willst, dass etwas anders wird, dann musst Du Dich ändern. Anders funktioniert es nicht. Wenn Du darauf wartest, dass die Anderen Dir Arbeit abnehmen, dann kannst Du lange warten!“

 

Seine Worte machten mich nachdenklich. Irgendwie spürte ich, dass etwas Wahres in ihnen steckten. Aber wo anfangen, es gibt so viele Baustellen, an denen ich gleichzeitig etwas ändern müsste. Und was passiert, wenn ich mich ändere? Wie reagieren meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen, mein Chef, die Kunden?

 

„Kleine Schritte führen zum Erfolg“, sagte der Alte. – Mist, die Sache mit dem Gedankenlesen hatte ich schon wieder vergessen. „Heute,“ ergänzte er, „ist ein guter Tag anzufangen.“ Das ging mir dann doch etwas zu schnell. „Warum ausgerechnet heute?“, fragte ich ihn. „Ich kann doch auch bis Neujahr warten, oder damit anfangen, wenn ich meine ganzen Aufgaben erledigt habe.“ – „Also willst Du in Wirklichkeit gar nichts ändern.“ interpretierte der Mann meine Aussage. „Weißt du, es ist Dein Leben. Wenn du es wegwerfen willst, dann mache einfach so weiter. Ich muss jetzt los und meinen Schlitten finden.“

 

Der Alte erhob sich und stapfte los. Widerwillig folgte ich ihm. Seine Worte hatten mich beeindruckt. Wie oft hatte ich von Kollegen schon gehört: „Wenn ich erst in Rente bin, dann….“ – und sie haben das Rentenalter dann gar nicht erreicht (Herzinfarkt, Krebs,…) – Den Kopf im Nacken ging der durch die Straßen. Plötzlich atmete er hörbar auf. „Gott sei Dank, da ist er ja“, hörte ich ihn sagen. Verwirrt schaute ich mich um. Ich konnte nirgends ein Auto erblicken. „Dort oben“, er deutete mit dem Finger auf das Dach eines Hauses.

 

Dort stand tatsächlich ein Schlitten, ein richtiger altmodischer Schlitten. Jetzt zweifelte ich endgültig an meinem Verstand. „Bist Du der Weihnachtsmann?“, fragte ich den alten Mann. „Nein, nein“, sagte er schmunzelnd. „Ich helfe nur den Erwachsenen, zu entschleunigen. Ich helfe Ihnen, sich auf das Wesentliche zu besinnen: auf sich selbst, auf die Familie, die Freunde, die schönen Dinge im Leben.“

 

Er machte eine Handbewegung und wirbelte dabei etwas Staub in die Luft. – Plötzlich war mir leichter. Ich fühlte mich frei, alle Gedanken über die Arbeit waren verschwunden. Ich schaute mich um. Jetzt sah ich die geschmückten Straßen mit anderen Augen. Alles strahlte und glitzerte. Eine wunderbare innere Ruhe durchdrang mich. ICH FREUTE MICH AUF WEIHNACHTEN!

 

Langsam ging ich nach Hause und genoss dabei die Stille, die tanzenden Schneeflocken, den Sternenhimmel.